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Bogenschießen mache ich nicht, das ist nur was für Jungs!

Kathleen Hänel · 23.09.2022

spicetree687 / Pixabay.

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„Bogenschießen mache ich nicht, das ist nur was für Jungs!“ Mit diesem Satz begründet meine Tochter, warum sie das Bogenschießen beim Kita-Fest lieber gar nicht erst versucht. Ich setze an, die 5-jährige vom Gegenteil überzeugen zu wollen und frage mich zugleich, wie sie darauf kommt. Wie sehr beeinflussen wir Eltern mit unseren Vorstellungen von ‚typisch Mädchen – typisch Jungs‘ die Entwicklung von Geschlechtsstereotypen? Wie wird in der Kita damit umgegangen? Und warum habe ich bisher eigentlich keinen rosa Dinopullover gefunden?

Ich lese nach: Laut Entwicklungspsychologie sind Neugeborene in ihrer Geschlechteridentität nicht festgelegt und kommen mit keinerlei Geschlechterrollen zur Welt. Sie begreifen erst ab dem 2. Lebensjahr, dass sie einem Geschlecht zugehören und fangen dann an, sich für die Unterschiede und Ähnlichkeiten zu interessieren. Sie beginnen zu beobachten, wie sich Bezugspersonen und Menschen des gleichen Geschlechtes im sozialen Umfeld verhalten.
Kinder vergleichen und imitieren Verhalten. Ausschlaggebend für die Entwicklung von Geschlechterstereotypen sei aber auch die Bestärkung: Das tun wir meistens ganz unbewusst, entsprechend eigener Rollenbilder. Wer verinnerlicht hat, dass Mädchen hübsch und lieb sein sollten, lobt auch genau dafür.
Dazu kommt der Einfluss von Werbung, Medien und Spielzeugindustrie. Sie prägen und bestätigen Klischees. Eine Trennung der Welt in blau und rosa erleben wir, wenn wir Werbeprospekte von Spielzeugherstellern durchblättern oder uns im Spielzeugladen umschauen: hier glitzernd-bunte Feenwelten, Einhörner, Prinzessinnen und die Vollausstattung für  die werdende Hausfrau mit Miniwischmob, Miniküche und Minibügeleisen. Auf der anderen Seite dunkelblau-grüngrau-schwarze Welten aus Fußball, Monstern, Autos, Eisenbahnen, Dinosauriern und Miniwerkzeugbänken. ‚Gendermarketing‘ ist ein Milliardengeschäft. Es ist jene neue Werbestrategie, die uns Eltern vermitteln möchte, was Jungs gern spielen und Mädchen gern anziehen. Der Umsatz steigt, wenn uns vorab gesagt wird, dass dieses Malbuch für Mädchen und dieses Spielzeug für Jungen gemacht wurde. Seitdem gibt es Schokolade, die ‚Männersache‘ ist und Überraschungseier in rosa. Und damit wird uns auch vermittelt, dass das rosa Rutschauto wohl eher nicht an den kleinen Bruder vererbt werden kann – zweimal gekauft, zweimal Umsatz.
Trotzdem beobachten wir Eltern, dass Jungen im Kleinkindalter von selbst zu Autos greifen und Mädchen eher an Puppen, Feen und Prinzessinnen interessiert sind. Liegt es daran, dass bereits die ersten Geschenke nach der Geburt sich am Geschlecht orientieren? Bodys mit Autos drauf, die ersten Söckchen in blau, braun oder grau für die Jungen, während der Geschenketisch nach der Geburt eines Mädchens in hellem rosa, lila und apricot erstrahlt, gezeichnet von kleinen Babytieren und Herzchen? Oder beginnt es schon vor der Geburt: „Eltern sprechen in einer anderen Tonlage mit dem Ungeborenen, kraftvoller und tiefer, wenn sie einen Jungen erwarten, sanfter und höher mit einem Mädchen.“ So beschreibt es Almut Schnerring in ihrem Buch „Die Rosa-Hellblau-Falle“. Aber Eltern fragen sich auch: Welche Rolle spielen die Gene (und auch Hormone!)? „Die Geschlechtsrolle ist zu 90 Prozent ein Ergebnis von Kultur und Erziehung“, sagt Uta Brandes, em. Professorin für Gender und Design an der Hochschule in Köln. Die Diskussion von ‚Nature vs. Nuture‘ (angeboren oder anerzogen) ist komplex, weist aber in die Richtung, dass biologische Faktoren (Gene, Hormone) weniger ausschlaggebend seien.

„Jungs sind immer so wild und laut, außerdem sind sie viel stärker als Mädchen und stänkern immer“, stellte meine Tochter bereits mit 4 Jahren fest. Deshalb habe sie keine Lust, mit ihnen zu spielen. Sie bestätigt damit die Forschung, die davon ausgeht, dass angenommene Geschlechterrollen bei Kindern im Alter zwischen 3 und 6 Jahren Einfluss auf die Art und Weise haben, wie und ob sie mit Gleichaltrigen des anderen Geschlechtes in Kontakt treten. Ich frage mich, wie in der Kita damit umgegangen wird? Die Dresdner Erzieherin Anke Geissler erzählt: „Es gibt immer wieder Kinder in unserer Kita, die sich in den Geschlechterrollen ausprobieren und entdecken wollen. Früher wurde dann – vermutlich in 'guter Absicht' – den Kindern direkt das passende Rollenbild aufgezeigt. Inzwischen ist Kita aber ein Schutzraum, der den Kindern zur Seite steht, sich so zu erfinden, wie sie es brauchen. Dazu bieten wir den Kindern Möglichkeiten, sich im Rollenspiel in allen Geschlechtern auszuprobieren, stellen vielfältige Materialien bereit und lassen die Kinder frei auswählen.
Die Auswahl der Bücher hat sich auch verändert, immer mehr Bücher mit dem Thema Diversität stehen in den Regalen. Außerdem hat sich – und das ist vielleicht das Wichtigste – die Haltung und die Sprache der pädagogischen Fachkräfte verändert.“

Sind unsere Kinder in der Grundschule angekommen, wissen sie sehr genau, dass Jungs meistens Feuerwehrmänner werden und Mädchen Erzieherinnen. In den kleinen Köpfen existieren ganz konkrete Vorstellungen darüber, was ‚typisch Mädchen‘ oder ‚typisch Jungs‘ ist. Damit befördern wir von Kindesalter an Ungleichbehandlung der Geschlechter über das Kindes- und Jugendalter hinaus: fehlende Chancengleichheit in der Berufswahl, in der Entlohnung und den Karrierechancen. Forschungsergebnisse zeigen auch, dass eine Erziehung und Bildung mit Geschlechterklischees auch die Offenheit gegenüber fremden Gruppen einschränkt und die Entwicklung von Vorurteilen begünstigt – bei Mädchen oft auch gegen das eigene Geschlecht (z.B. weniger Selbstvertrauen im technisch-mathematischen Bereich).
Geschlechteroffene Erziehung beginnt im Kleinen. Bei uns zu Hause achten wir auf klischeefreie Bücher ohne stereotype Geschlechterbilder: Der Papa kocht und betreut das kleine Geschwister, während Mama draußen das Fahrrad repariert? Im Buch gibt es eine Ein-Eltern-Familie oder zwei Papas? Super! Geschlechtsneutrale Erziehung kann auch bedeuten, bei der Kleidungsauswahl nicht vor zu sortieren und Kinder zwischen allen Farben und Kleidungsstücken von Anfang an selbst wählen zu lassen (auch zu Fasching darf jeder eine Prinzessin sein!). Das auch bei der Wahl der Frisur: Mit kurzen Haaren sieht ‚man‘ nicht gleich aus wie ein Junge. Ein Baumhaus mit der Tochter bauen und einen glitzernden Schmetterling mit dem Sohn basteln? Warum nicht, wenn er/sie darauf Lust haben! Und: Es lohnt sich auch, eigenen Geschlechterstereotypen auf die Spur zu kommen.
Wir ermöglichen unseren Kindern mit einer geschlechtsneutralen Haltung selbst herauszufinden, was ihnen gefällt und was ihre Stärken sind. Lassen wir die Kinder doch selbst entscheiden, ob Mädchen auch wild und laut sein können und Jungs sich auch sensibel zeigen dürfen. Und setzen wir dem Gendermarketing etwas entgegen: ein lila Roller fährt mindestens genauso schnell wie ein blauer!
Anmerkung der Autorin: In diesem Artikel wird nicht explizit auf weitere, diverse Geschlechter eingegangen, wenngleich diese immer mitgedacht wurden. Diese sind nicht zu vernachlässigen und sind gleichwertig zu den klassischen Geschlechteridentitäten zu betrachten.

Quellen:

https://www.deutschlandfunk.de/gender-studies-getrennte-spielwelten-100.html

https://rosa-hellblau-falle.de/wp-content/uploads/2014/12/2014-12-EZ-RosaHellblau.pdf

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0022096517302692?via%3Dihub

https://www.ifo.de/DocDL/ifoDD_19-02_12-16_Heisig.pdf


Für alle, die noch tiefer in das Thema einsteigen wollen, empfiehlt unsere Autorin das Buch "Die Rosa-Hellblau-Falle - Für eine Kindheit ohne Rollenklischees" von Almut Schnerring und Sascha Verlan.
Almut Schnerring und Sascha Verlan, selbst Eltern von drei Kindern, beschäftigen sich mit den Rollenklischees, die derzeit wieder fröhlich ins Kraut schießen, eine ganze Produktindustrie am Leben halten und sich zunehmend in den Köpfen der Betroffenen festsetzen. Hautnah und pointiert beschreiben sie Szenen aus dem Familienalltag, hören sich in Kindertagesstätten um, diskutieren mit Marketingstrateginnen, Genderforschern, Pädagoginnen und, natürlich, mit anderen Eltern. Wie würden unsere Kinder aufwachsen, wenn die Klischeefallen und Schubladen nicht immer wieder bedient würden? Ein Aufruf zum Widerstand, der ganz konkrete Tipps bietet, wie sich die Genderfalle im Alltag umschiffen lässt.

Erscheinungsdatum: 26.08.2021
Verlag: Kunstmann, A
Seitenzahl: 288
ISBN: 978-3-88897-938-5




Wir verlosen 3 Exemplare des Buches "Die Rosa-Hellblau-Falle - Für eine Kindheit ohne Rollenklischees" von Almut Schnerring und Sascha Verlan.

Wer gewinnen möchte, schreibt uns unter Angabe seiner E-Maildresse, sowie der Telefonnummer an: verlosung@kindundkegel.de Kennwort: Rosa-Hellblau. Einsendeschluss ist der 16.10.2022. Der Gewinn wird unter allen Teilnehmer:innen verlost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!


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