Schule und Bildung

Digitales Lernen

Adina Schütze · 13.10.2020

Foto: April Bryant / Pixabay

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Wie viel Breitband braucht Schule? Dass es beim Thema Digitalisierung der Schule vor allem auch auf das Know-How bei den Pädgogen ankommt, war lange vor Corona klar. Während der Krise zeigte sich allerdings eine neue Qualität des digitalen Klassenzimmers, nämlich: Wie gut sind die Schulen vernetzt, wie ist das Elternhaus ausgestattet und was können Familien beim Home-Schooling leisten?

Mit dem sogenannten „Digitalpakt Schule“ hatte die Bundesregierung schon 2018 die Absicht bekundet, die Digitalisierung in den Schulen mit 5 Milliarden Euro zu fördern. Das heißt: Schulen sollen überall auf schnelles Internet zurückgreifen können und über moderne Technik verfügen. Mehr noch: Lehrerinnen und Lehrer sollen gut qualifiziert sein, um digitale Medien nutzen und digitale Kompetenzen vermitteln zu können. Soweit, so gut. Der Haken? Es fehlte an medienpädagogischen Konzepten, die es für's Antragsverfahren brauchte und die Dringlichkeit ging im schulischen Alltag unter.

Coronavirus als Innovationsbeschleuniger?

Die Corona-Krise und der Lock-Down haben alles verändert. Die Schule ging online. „Wir haben festgestellt, dass die Schüler, vor allem in unseren weiterführenden Klassenstufen 6 bis 12, sich schneller als wir Lehrer an die neue Situation angepasst haben. Nicht nur die digitalen Fähigkeiten haben sich dadurch entwickelt, sondern auch Fertigkeiten, wie bspw. Zeit- und Aufgabenmanagement. Die Krise hat auch die Partnerschaft zwischen Elternhaus und Schule noch mehr gestärkt,“ sagt Kathleen Proppé von der Dresden International School. In der Krise galt es, Schüler und Eltern zu Hause zu erreichen. Schnelle Lösungen mussten trotzdem gefunden werden. „Unser Lernkonzept SOL stärkt das selbstorganisierte Lernen, so dass unsere Schüler sich eigenverantwortlich um ihren Lernstoff kümmern. Sie hinterfragen ihre Lernfortschritte und prüfen ihre Lernmethoden selbstständig. Diese Fähigkeiten waren natürlich in einer Phase, in der die Schüler ausschließlich zu Hause lernen, eine sehr gute Basis. Aber auch hier gibt es Unterschiede in der Ausprägung, weshalb sich die Lernniveaus unterschiedlich entwickelt haben. Das müssen wir ausgleichen, bevor wir mit neuen Inhalten starten können. Wir werden also die Fähigkeit unserer Schüler zur Selbstorganisation weiter stärken,“ so Alexander Klippstein. Er ist Englisch-Lehrer an der SRH Oberschule Dresden und am SRH Beruflichen Gymnasium Dresden und betreut dort die Lernplattform LernSax.

Eine Chance in der Krise? Die Corona-Krise hat die Digitalsierung nicht beschleunigt, aber ihre Chancen und Grenzen gezeigt. Schnell fiel auf, wie schlecht die Schüler zu Hause mit entsprechender Technik ausgestattet sind. Auch an Dienstgeräten für Lehrkräfte mangelt es. „Wir leben in einer digital vernetzten Welt. Deshalb muss sich der Schulunterricht an der Lebenswelt der Schüler orientieren. Damit Lehrer aber aus der Vielfalt an E-Learning-Angeboten die geeigneten auswählen können, müssen sie sich damit vertraut machen. Sie müssen wissen, wie digitale Tafeln funktionieren und für welche Wissensvermittlung sie am besten eingesetzt werden. Sie müssen wissen, welche digitalen Unterrichtsmedien die Schüler bereits nutzen und sie brauchen Ideen, wie sie diese als Ergänzung zum Unterricht sinnvoll einbinden können,“ erklärt Alexander Klippstein.

Bei allem gilt es zu bedenken: Der Computer ist kein Lehrer und Eltern können ihre Kinder trotz technischer Unterstützung nur begrenzt motivieren, Schule zu machen. Verena Pausder ist Vorstandsmitglied des Vereins Digitale Bildung für Alle. Ihr geht es darum, Kinder vom Konsumenten zum wirklichen Digital Native zu machen. Eltern und Lehrer müssten da an einem Strang ziehen. Die Mittel aus dem Digitalpakt Schule würden ausreichen, um Schüler auch für zu Hause fit zu machen. Sie plädiert im Übrigen dafür, einen Homeschooling-Tag in der Woche beizubehalten.

Vor welchen Herausforderungen stehen wir?


+ Auch wenn Aufgaben im Internet stehen, heißt das nicht, dass alle Schüler die gleichen Möglichkeiten haben, diese zu finden und die Aufgaben auch strukturiert zu erledigen. Es gibt Schüler, die zu Hause über kein schnelles Internet verfügen. Außerdem setzt ‚Digitales Lernen‘ auch Selbständigkeit voraus. Es braucht selbstgesetzte Strukturen.
+ Viele Lehrer sind älter als 50 Jahre und gehören damit nicht zu einer Generation, die mit digitaler Technik aufgewachsen ist und damit selbstverständlich umgeht.
+ Digitale Medien machen allein keinen guten Unterricht. Ganz neue Lernformen sind gefragt.
+ Anforderungen an Datenschutz und Urheberrecht.

Chefsache Digitalisierung

Schnelles Internet für Schulen, bezahlbarer Internetanschluss für Schüler und Laptops für Lehrer sind in Deutschland zur Chefsache geworden. Die Kanzlerin sitzt mit den Kultusministern am Tisch, um über Hilfen für eine bessere Bildung zu sprechen. Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (Im Interview mit Kind+Kegel), der an den Treffen mit der Kanzlerin teilnimmt: „Es herrscht Einigkeit darüber, dass Schule und Bildung auch in Zeiten der Corona-Pandemie Priorität genießen.“ Doch was folgt daraus konkret? „Wir brauchen Klassensätze von Leih-Computern für alle Schülerinnen und Schüler, Dienstgeräte sowie dienstliche E-Mail-Adressen für die Lehrkräfte und personelle Unterstützung bei der Administrierung unserer Schulcomputer, Server, schuleigenen Lernplattformen und Homepages. Wir benötigen digitale Hausmeister!“, fordert Thomas Langer, der Vorsitzende des Philologenverbandes Sachsen, als Vertretung der Gymnasiallehrer. Gleichzeitig weist Langer auf die Rechtssicherheit bei der Nutzung von digitalen Medien hin. Derzeit würden aus der Not heraus Tools und Plattformen genutzt, die dem Datenschutz nicht genügen. Deshalb müsse die sächsische Lernplattform LernSax praktikabler und nutzerfreundlicher gestaltet werden. Es könne auch nicht sein, dass Lehrkräfte den staatlichen Bildungsauftrag mithilfe ihrer Privatgeräte erfüllen. Eigentlich sei digitales Arbeiten gar nicht möglich, denn „Lehrern ist es gar nicht erlaubt, Schülerdaten auf privaten Rechnern zu verarbeiten.“

Nun soll sich vieles ändern. „Die Ausstattung der Schulen wird die nächsten zwei, drei Jahre in Anspruch nehmen,“ prognostiziert Kultusminister Christian Piwarz gegenüber Kind+Kegel. Für die Digitalisierung hat der Freistaat Sachsen im Rahmen des Digitalpaktes 1 ein Förderpaket von ca. 250 Mio Euro vom Bund erhalten. Mit diesem Geld soll vorrangig die digitale Infrastruktur in den Schulen gefördert werden: Die Verkabelung von Räumen, die Einrichtung von Schulservern oder auch drahtlose Netzwerke. Zudem wird den Schulen die Anschaffung von interaktiven Tafeln und Displays oder von Laptops, Notebooks und Tablets ermöglicht. Die Antragsfrist des „DigitalPaktes Schule“ lief im Spätsommer 2020 aus. Bis dahin hatten die Schulträger Zeit, den Förderantrag bei der Sächsischen Aufbaubank zu stellen. Dafür musste jede Schule ein eigenes medienpädagogisches Konzept einreichen. Um die Schulen bei der Entwicklung eines Medienbildungskonzeptes zu unterstützen, hatte das Landesamt für Schule und Bildung Empfehlungen erarbeitet. Denn bevor digitale Technik angeschafft wird, bedarf es vor allem pädagogischer Konzepte zum Einsatz digitaler Medien im Lehr- und Lernkontext. Diese sollen das Lernen über und mit Medien in allen Unterrichtsfächern möglichst systematisch verankern und dabei auch noch schulspezifische Besonderheiten berücksichtigen. Keine leichte Aufgabe.

„Es gibt in Deutschland noch immer unterschiedliche Meinungen, im Hinblick auf das digitale Lernen in Schulen. Es gibt Befürworter und Gegner und, so die vorherrschende Meinung, eher Skepsis und Bedenken, was den Einsatz digitaler Medien anbelangt. Das verlangsamt natürlich den gesamten Prozess der Digitalisierung an den Schulen. Die aktuelle Situation kann helfen, Eltern und Lehrer von der Notwendigkeit der Digitalisierung an Schulen zu überzeugen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Julia Pakravan, die Co-Leiterin der Berlitz Digital School-Kurse, blickt positiv in die Zukunft: „Im Rückblick sehen wir, dass zahlreiche Kunden offen waren, sich auf die neue Online-Lernumgebung einzulassen und das Online-Angebot gerne angenommen haben. Viele von ihnen können sich auch in Zukunft das Sprachenlernen im virtuellen Klassenraum vorstellen oder eine Kombination aus Präsenzund Online-Training. Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass viele unserer Kunden mutig genug waren, vom Präsenzunterricht vor Ort in den virtuellen Klassenraum zu wechseln. Glücklicherweise waren wir hier bereits vor der Covid19-Krise digital gut aufgestellt. Online-Unterricht funktioniert anders als das Sprachtraining vor Ort, insbesondere im Hinblick auf die technischen Anforderungen, den Einsatz technischer Online-Lerntools für einen kurzweiligen und intensiven Online-Unterricht, die Lernmethodik und die Lehrpläne.“

Kategorien: Schule und Bildung , Kaleidoskop