Kaleidoskop

Der Brauch der Schultüte

Adina Schütze (as) · 05.06.2018

Kati Neudert - Fotolia.com

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Woher kommt eigentlich der Brauch, Kindern zur Schuleinführung eine spitze Zuckertüte zu schenken? Kind + Kegel hat sich auf die Suche nach den Anfängen dieser Tradition gemacht und fand heraus, dass die Tradition, Kindern den kommenden strengen Schulalltag vorerst mit Zuckerzeug zu versüßen, tatsächlich in Sachsen und Thüringen entstand.

„Herr Bremser setzte uns, der Größe nach, in die Bankreihen und notierte sich die Namen. Die Eltern standen dichtgedrängt, an den Wänden und in den Gängen, nickten ihren Söhnen ermutigend zu und bewachten die Zuckertüten. Das war ihre Hauptaufgabe. Sie hielten kleine, mittelgroße und riesige Zuckertüten in den Händen, verglichen die Tütengrößen und waren, je nachdem, neidisch oder stolz. Meine Zuckertüte hättet ihr sehen müssen! Sie war bunt wie hundert Ansichtskarten, schwer wie ein Kohleneimer und reichte mir bis zur Nasenspitze! […] Ich trug meine Tüte wie eine Fahnenstange vor mir her. Manchmal setzte ich sie ächzend aufs Pflaster. Manchmal griff meine Mutter zu. Wir schwitzten wie die Möbelträger. Auch eine süße Last bleibt eine Last.“ An das, was Erich Kästner in seinen Dresdner Kindheitserinnerungen von 1905 hier beschreibt, können sich viele von uns noch genauso erinnern und es steht den kommenden ABC-Schützen so, oder so ähnlich bevor. Doch woher kommt eigentlich der Brauch, Kindern zur Schuleinführung eine spitze Zuckertüte zu schenken? Kind + Kegel hat sich auf die Suche nach den Anfängen dieser Tradition gemacht und fand heraus, dass die Tradition, Kindern den kommenden strengen Schulalltag vorerst mit Zuckerzeug zu versüßen, tatsächlich in Sachsen und Thüringen entstand. Dabei geht der Brauch wohl weit bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals ging die Kunde, dass die Schultüten am Zuckertütenbaum wachsen und wären diese groß genug, wäre es auch höchste Zeit für den Schulanfang.

Da Zuckertüten aber tatsächlich weniger ein Naturprodukt, sondern mehr das Resultat solider Handwerksarbeit und später der industriellen Fertigung waren, konzentrierte sich die Herstellung, entsprechend der Ausbreitung auf Sachsen und Thüringen. Neben den aus Papierbogen gewickelten Tüten waren es anfangs häufig Einzelanfertigungen, zum Beispiel von Buchbindern. Um das Jahr 1910 kam Carl August Nestler in Wiesa auf den Gedanken, in seinem Papierverarbeitungswerk serienmäßig Schultüten herzustellen. Die Firma gilt damit als erste Schultütenfabrik in Deutschland.

In ihrer Gestalt hat die Schultüte im Laufe ihrer Entwicklung einen entscheidenden Wandel durchgemacht. Waren die ersten Tüten noch aus gewickeltem Papier (der klassischen Form, in der Konditorwaren und Konfekt verpackt wurden) – ist heute eine kegelförmige Kartongestalt üblich. Eckige Tüten gab es bereits in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Später war die sechseckige Tüte mit 85 cm Länge die Standardtüte für die Kinder in der ehemaligen DDR, während sich die Kinder der alten Bundesländer mit runden 70 cm zufrieden geben mussten.

Diese Vorlieben gibt es noch heute. Federführend in der Herstellung sind auch die Sachsen geblieben: Der größte Hersteller von Schultüten in Deutschland ist die Nestler Feinkartonagen GmbH in Ehrenfriedersdorf im Erzgebirge. Dort werden über zwei Millionen Schultüten pro Jahr gefertigt.

 

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