Kaleidoskop

Lesen durch Schreiben oder Arbeiten mit der Fibel

Maria Grahl (mg) · 15.04.2019

„Wer das ABC gelernt, kann Geschichten lesen. Aus dem bunten Märchenbuch mit den Zauberwesen...“ Na, wer hat jetzt alles einen Ohrwurm? Das alte Kinderlied besingt die Freude am Lesen und Schreiben. Doch wie lernen Kinder heutzutage? Schule und Unterrichtsmodelle haben sich in den letzten Jahren auch in Sachsen stark verändert. Verschiedene Ansätze werden in den Schulen und auch individuell von Lehrerinnen und Lehrern angeboten. Wie schwierig es ist, an dieser Stelle qualitativ hochwertige Studien und Expertenaussagen zu finden, merkte unser Redaktionsteam recht schnell. Unser Ziel war es, für unsere Leser die beiden bekannten Modelle – „Lesen durch Schreiben“ und „Fibel“ – gegenüber zu stellen und zu vergleichen. Bei der Recherche sind uns unzählige, teils heiß diskutierte, Artikel und Studien begegnet, die sich oft gegenseitig zitieren oder widersprechen. Vor allem aber liefern sie wenig erklärende und hilfreiche Informationen für Eltern. Um Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir mit zwei unabhängigen Wissenschaftlern gesprochen: Prof. Susanne Riegler von der Universität Leipzig und Prof. Jeanette Hoffmann von der TU Dresden.

Grundsätzlich werden verschiedene didaktische Ansätze zum Schriftspracherwerb unterschieden. Keine der Methoden kann man schlichtweg in Schubladen stecken. Grob einteilen kann man die Lernformen in lernwegsorientierte Verfahren, die sich nach den Spracherfahrungen der Kinder richten und lehrgangsorientierte Verfahren, welche sich an der Struktur der Schrift orientieren.


LERNWEGSORIENTIERTE ANSÄTZE


Diese Ansätze gehen eher vom Kind aus und berücksichtigen das gesamtheitliche Lernen von Kindern. Einer dieser didaktischen Ansätze ist die sog. „Lesen durch Schreiben“-Methode,
die vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelt wurde. Dieser Ansatz denkt den Schriftspracherwerb insofern vom Kind aus, als dass die Kinder sich selbständig mit
einer sog. Anlauttabelle von Anfang an Wörter und dann schnell auch eigenständige Texte erarbeiten. Dieser an den Spracherfahrungen der Kinder orientierte Ansatz berücksichtigt das gesamtheitliche Lernen eingebettet in komplexe lesedidaktische, lernpsychologische und schulpädagogische Konzepte. Neben Lesen durch Schreiben spielen das selbstgesteuerte
Lernen und der Werkstattunterricht eine zentrale Rolle. Dabei werden von Anfang an die kindlichen Lernprozesse von Lehrerinnen und Lehrern angeregt und begleitet, gemeinsam
Wörter erforscht und auch Orthographie thematisiert. Das Konzept „Lesen durch Schreiben“ ist ein vergleichsweise offener Ansatz für den Anfangsunterricht, der, anders als das Lernen mit der Fibel, den Gleichschritt auflöst und die Kinder individueller in den Blick nimmt. Ein offener Anfang bedeute dabei aber keinesfalls, dass ohne System gelernt würde. „Reichen war es vor allem wichtig, den Kindern das Wort zu geben und sie als Schreibende und Lesende ernst zu nehmen“, so die Leipziger Professorin Riegler. Die Expertin forscht seit vielen Jahren zu Schriftsprach- und Orthografieerwerb. Die Kinder lernen von Anfang an und entsprechend dem eigenen Können mit sinnvollen Texten und Wörtern.


LEHRGANGSORIENTIERTE VERFAHREN


Bei der Arbeit mit der Fibel lernen die Kinder lehrgangsförmig und im Gleichschritt die Buchstaben kennen. Dabei werde zunächst weniger auf individuelle Stärken und Schwächen der
Schüler eingegangen. Aber Achtung: Fibel ist nicht gleich Fibel. Hinter jeder Fibel kann sich ein eigenes Konzept verbergen. Moderne Fibeln umfassen verschiedene Bausteine, die
teilweise wiederum eine Individualisierung des Unterrichts ermöglichen. Dadurch stellen sie ein eigenes Gesamtkonzept dar, das die Bereiche des Anfangsunterrichts im Lesen- und
Schreibenlernen abdecken und die Vorgaben der Rahmenlehrpläne erfüllen soll. Prof. Hoffmann, die an der TU Dresden unter anderem zu Sprachbildung und Lese- und  Mediensozialisation im Kontext von Mehrsprachigkeit forscht, erklärt: „Lehrwerke zum Lesen- und Schreibenlernen sind heute in ihrer konzeptionellen Ausrichtung unterschiedlich: So können sie eher anleitend, also lehrgangsgebunden, oder eher offen, also individuell und lernwegorientiert, aufgebaut sein. Auch werden dabei verschiedene didaktische Ansätze aufgegriffen (wie z.B. analytisch-synthetische, silbenanalytische oder Spracherfahrungs-Ansätze) und zum Teil auch miteinander kombiniert. Beispielsweise ermöglichen die den Fibeln beiliegende Buchstabentabellen den Kindern das Schreiben eigener Texte neben der lehrgangsorientierten Aneignung der Schrift.“


UND DER KÖNIGSWEG?


Alle Schulen in Sachsen sind frei in der Wahl der verwendeten Methode. Andererseits sind alle Schulen an die Erfüllung des sächsischen Lehrplanes gebunden. Aber welche Methode ist denn nun die beste für mein Kind? In einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft mit immer neuen Anforderungen ist es verständlich, dass Eltern das bestmögliche Lernen für ihre Kinder wünschen. Schnell kommt da der Ruf nach einer einfachen Lösung auf. Es gibt Hinweise darauf, dass nicht jede Methode für jedes Kind ideal geeignet zu sein scheint.
Prof. Jeanette Hoffmann betont: „Wichtig ist für die Lehrpersonen, dass sie um die vielfältigen und heterogenen Spracherfahrungen der Kinder und um die Struktur der Schrift wissen und den didaktischen Ansatz, mit dem sie in ihrer Klasse unterrichten, überzeugend und engagiert umsetzen können. Auch die Eltern sollten wissen, welche didaktische Idee hinter der konkreten Methodenwahl steht und diese nachvollziehen und unterstützen können.“ Auch Prof. Susanne Riegler warnt vor voreiligen Schlüssen: „Tatsächlich veröffentlichte Studien lassen bei der Methodenwahl aktuell keinen eindeutigen Königsweg erkennen. Die viel zitierte „Bonner Studie“ [Anm.d.Red.: Die Bonner Studie ist bisher nicht publiziert. Nur in Auszügen wurde bereits aus ihr zitiert.] wirft aus meiner Sicht einige Fragen auf.“ Zudem müsse erst einmal klarer differenziert werden, was in diesem Rahmen Fibel bedeute. Rieglers Ansicht nach, die sie auf eine veröffentlichte vergleichende Studie von Swantje Weinhold aus dem Jahr 2009 stützt, produzierten alle Methoden gleichermaßen „Gewinner“ und „Verlierer“.


„DIE QUALITÄT IST VERMUTLICH VIEL ENTSCHEIDENDER ALS DIE GEWÄHLTE METHODE“


Die Expertin für Schriftsprach- und Orthografieerwerb in der Grundschule hat eine andere Theorie: „Ich sehe den weitaus wirkmächtigeren Faktor in der Qualität des Unterrichts. Es gibt guten und schlechten Fibel-, aber auch guten und schlechten Lesen durch Schreiben-Unterricht.“ Dies hinge nicht zwingend ausschließlich mit der Methodenwahl zusammen,
sondern vielmehr damit, wie die Lehrerinnen und Lehrer ihre Sprösslinge begleiteten, „die Qualität ist vermutlich viel entscheidender als die gewählte Methode.“ Was können Eltern aber konkret tun, um ihren Nachwuchs zu unterstützen? „Sie können auf zwei Aspekte achten“, sagt Riegler. Zum einen sei es wichtig, dass Kinder frühzeitig die Möglichkeit bekommen, Schrift für ihre Zwecke zu nutzen und frei zu schreiben. Außerdem sei es wichtig, bei den ersten Schreibversuchen der Kinder nicht gleich den Rotstift anzusetzen, so der deutsche Grundschulverband. Statt Lern-, Erkenntnisund Denkprozesse zu fördern, produziere das lediglich Schreibunlust,Schreibversagen und allgemeine Schulangst. Gleichzeitig, so die Leipziger Wissenschaftlerin, seien aber auch weitere Säulen wie Grammatik, Wortschatz und Rechtschreibung wichtig. Kinder nur frei schreiben zu lassen und keine Regularitäten zu besprechen, hält sie für grundsätzlich falsch. „Das ist aber auch in den wenigsten Schulen der Fall. Auch nicht in denen, die nach Reichen unterrichten.“

 

BONNER STUDIE

In der Untersuchung hatten Bonner Psychologen ermittelt, dass Grundschulkinder Orthografie am besten nach der sog. „Fibelmethode“ lernen würden. Die Studie hat im Herbst 2018 eine breite Debatte ausgelöst. Die Aussage, dass die „Fibel“ zu einer besseren Rechtschreibung führe, ist auch dem Grundschulverband viel zu pauschal. „Eine solche Allgemeinaussage ist nach dem aktuellen Forschungsstand nicht möglich und höchst irreführend“, kritisierte der Verband. Es gibt nicht die Fibel, sondern ein breites Spektrum didaktisch-methodisch höchst unterschiedlicher Lehrgänge, deren Lerneffekte sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen lassen.

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