Kaleidoskop

Der "DigitalPakt" für Sachsens Schulen

Kathrin Muysers (km) · 09.09.2019

Foto: ©WavebreakmediaMicro - stock.adobe.com

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Egal, ob Euer Kind gerade erst eingeschult wurde, oder ob es schon zu den „Großen“ zählt – ein Thema wird Euch im kommenden Schuljahr auf jeden Fall klassenübergreifend begegnen: der sogenannte „DigitalPakt Schule“. Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung (BmBF) wollen damit „Bund und Länder für eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sorgen.“

Ein paar Zahlen

Finanziert wird der DigitalPakt aus dem Digitalinfrastrukturfonds. Dabei handelt es sich nicht um „Peanuts“. Über einen Zeitraum von fünf Jahren wird der Bund insgesamt fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Überdies beteiligen sich die kommunalen und privaten Schulträger bzw. Länder mit einem finanziellen Eigenanteil. Zusammengenommen stehen dann insgesamt mindestens 5,55 Milliarden Euro bereit. Dies bedeutet, dass für jede der ca. 40.000 Schulen in Deutschland durchschnittlich 137.000 Euro oder umgerechnet auf die derzeit ca. 11 Millionen Schüler*innen ein Pro-Kopf-Betrag von 500 Euro bereit steht. Klingt toll. Aber wozu dit Janze?

Hintergrund ist die fortschreitende Digitalisierung, aufgrund der digitale Kompetenzen essenziell geworden sind. Laut BmBF einerseits für Individuen, um digitale Medien selbstbestimmt und verantwortungsvoll nutzen zu können und um gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben“, und andererseits „für die Gesellschaft, um Demokratie und Wohlstand im 21. Jahrhundert zu erhalten.“ Schulen müssten deshalb überall auf schnelles Internet zurückgreifen können und über entsprechende Anzeigegeräte wie interaktive Whiteboards verfügen. Mehr noch: Lehrerinnen und Lehrer müssen gut qualifiziert sein, um digitale Medien nutzen und digitale Kompetenzen vermitteln zu können. Alina Heins ist Schulleiterin der SRH Oberschule in Dresden. Sie schätzt die vermittelnde Aufgabe der Schule hoch ein. „Die Digitalisierung ist eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte.

Wie können wir den technischen Fortschritt nutzen, um das Leben zu vereinfachen, um Ressourcen zu schonen und um nachhaltiger zu leben? Wir müssen Kind und Jugendliche kompetent machen, damit sie den Herausforderungen der Digitalisierung gewachsen sind, damit sie Gefahren selbstständig erkennen und damit sie die Chancen, die die digitale Revolution bietet, nutzen können. Die beste Zeit dafür ist die Schulzeit.“

Wo ist der Haken?

Genaugenommen müsste man von einer ganzen Hakenleiste sprechen. Denn bei der Umsetzung hapert es. Zunächst soll jedes Land eine  Förderrichtlinie veröffentlichen, die die Einzelheiten wie z. B. das Antragsverfahren regelt. Das BmBF optimistisch: „Wenn das alles zügig weitergeht, könnten die ersten Schulen noch in diesem Jahr mit ihren Investitionsmaßnahmen beginnen.“ Wenn, ja wenn … dann sollen Schulen schon bis in die Klassenzimmer breitbandverkabelt sein, über W-LAN sowie stationäre Endgeräte wie interaktive Tafeln verfügen. Voraussetzung ist die „Vorlage eines technisch-pädagogischen Konzepts jeder einzelnen Schule (also z. B. eines Medienentwicklungsplans).“
In einer Presseerklärung zum DigitalPakt Schule des Stadtelternrats Leipzig fordert Sprecherin Petra Elias, dass die Digitalisierung vornehmlich dazu genutzt werden soll, „die Administration des Schulalltags zu vereinfachen“. So könnten Lehrer*innen das Fehlen eines Schülers digital an das Schulsekretariat melden oder auch Zensuren in ein zentrales System eingepflegt werden; ebenso Hausaufgaben, Lehrpläne etc.

LernSax oder das elektronische Klassenbuch

Mancherorts ist diese Zukunftsvision schon Realität, beispielsweise an der 15. Grundschule in der Dresdner Neustadt, wo Schulverwaltung und Eltern die Plattform LernSax nutzen, eine eigens entwickelte Cloud-Lösung für sächsische Bildungseinrichtungen. Jedoch mangelt es noch an Endgeräten, um das Potenzial von LernSax im Sinne eines „elektronischen Klassenbuchs“ auszuschöpfen. Zurück zu den Leipzigern vom StadtElternRat: dort fordert man, „dass die einzelnen Schulen bei der Mittelverwendung mitreden dürfen.“ Um dann mit einem Satz zu enden, der uns zu einem weiteren Stolperstein bei der Umsetzung des DigitalPakt Schule bringt: Es sei „wichtig, dass im gesamten Lehrerkollektiv eine sehr hohe Akzeptanz für die Umsetzung dieser Digitalstrategie vorliegt. Was nützt das schönste digitale Whiteboard, wenn es nicht genutzt wird?“

Fortbildungsinitiativen für Lehrer*innen

Das Medienmagazin Übermedien sieht genau hier die eigentliche Herausforderung des Digitalpakts. Digitale Bildung in Lehrpläne zu implementieren, sei eine Sache. Eine andere, ihre Ziele und Methoden „in die Köpfe von rund 800.000 Lehrerinnen und Lehrern einzupflanzen“. Es zitiert den Wiesbadener Lehrer Günter Steppich, der sich seit zwei Jahrzehnte mit Medienpädagogik befasst und mit seiner Website medien-sicher.de eine wahre Fundgrube zum Thema geschaffen hat. Er sieht die Schulen vor einer „gigantischen Fortbildungsinitiative“, denn „es gebe einfach nicht genug Lehrer mit entsprechenden Kompetenzen, die die Fortbildungen halten könnten.“ Mit dem in Baden-Württemberg ansässigen Netzwerk Digitale Bildung hat sich eine Experten-Community zusammengefunden, die Schulen bei der Umsetzung des DigitalPakt Schule zur Seite steht. Zum einen hat es den kostenfreien Wegweiser Digitale Bildung herausgebracht, der sich „zeitgemäßem Unterricht mit digitalen Werkzeugen“ widmet. Zum anderen bietet das Netzwerk (leider nur in Bayern) den Workshop DigitalPakt an, der sich den vier Themenfeldern „Infrastruktur, Technologie, Service“, „Beschaffung“,„Medienentwicklungsplan“ sowie „Aus- und Weiterbildung, Pädagogik und Didaktik“ widmet.

Digitale Bildung in sächsischen Lehrplänen

Einen für Sachsen interessanten Vergleich findet man ebenfalls im Übermedien-Artikel „Im Labyrinth der Lehrpläne“. Die Konferenz der Kultusminister (KMK) hatte bereits 2017 ihren Leitfaden „Bildung in einer digitalen Welt“ verabschiedet. Wie sieht der Stand der Umsetzung im Jahr 2019 aus? Während Bayern und Sachsen bei den PISA-Studien sonst als die Klassenbesten gelten, gibt es bei der Umsetzung des Leitfadens gravierende Unterschiede. Autor Christian Füller durchsuchte die Fachlehrpläne auf acht verschieden Stichworte aus der heutigen, digitalen Lebenswelt: App, Blog, Cloud, Tablet, Fakenews, (Cyber-)Mobbing/Grooming sowie Sexting. Während Bayerns „Lehrplan Plus“ eine sehr hohe Trefferquote in allen Schulfächern aufweise, kämen in den Lehrplänen der Gymnasien und Oberschulen in Sachsen diese Stichworte kaum vor. Wenn die Pläne des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus (SMK) aufgehen, könnte hier Schwung rein kommen. „Das aktuelle Schuljahr wird geprägt sein von einer Digitalisierungsund Fortbildungsoffensive für Sachsens Schulen. Als erstes Flächenland hatte Sachsen im Mai eine Förderrichtlinie zur Umsetzung des Digitalpaktes verabschiedet. Zwischenzeitlich liegen die ersten Förderanträge vor. Den  bundesweit ersten Fördermittelbescheid hat inzwischen der Landkreis Zwickau erhalten. 16 Schulen werden davon profitieren.

Der digitale Ausbau von Sachsens

Schulen wird in diesem Schuljahr enorm an Fahrt aufnehmen. Parallel dazu läuft eine Fortbildungsoffensive für Lehrerinnen und Lehrer.“, erklärt SMK-Pressesprecher Dirk Reelfs auf Nachfrage von Kind+Kegel. Zur Kritik des Medienmagazins Übermedien sagt Dirk Reelfs: „Wer in  Lehrplänen mittels Suchfunktion nach hippen Schlagworten sucht, die morgen schon wieder überholt sind, wird dem Kern von Lehrplänen überhaupt nicht gerecht. Wer stattdessen Lehrpläne tatsächlich liest, dem wird offenbar, dass es nicht nur auf Stichworte in Lernbereichen ankommt, sondern dass es mindestens ebenso wichtig ist, was die didaktischen Grundsätze und überfachlichen Ziele des jeweiligen Unterrichtsfaches sind. Um die Medienbildung zu stärken wurden in Sachsen deshalb rund 100 Fachlehrpläne komplett überarbeitet. Damit sind sie nachhaltiger als so manches Digitalphänomen, welches gerade in www.srh-oberschule.de Mode ist.

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