Kaleidoskop

Arbeit als Tagesmutter/-vater

Wiebke Ritz · 30.01.2020

Sindy Müller, seit Mai 2018 tätig als Tagesmutter

Sindy Müller, seit Mai 2018 tätig als Tagesmutter

Kind + Kegel hat Sindy Müller getroffen, die seit Mai 2018 als Tagesmutter selbstständig ist und mit Malwina kooperiert. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie man dazu kommt, Tagesmutter zu werden, wie man sich qualifiziert und was Eltern bei der Auswahl einer Tagespflegeperson beachten sollten.

Warum wolltest du Tagesmutter werden?

Ich hatte schon immer den Wunsch mit Kindern zu arbeiten. Mein vorheriger Beruf als Physiotherapeutin konnte diesem nicht gerecht werden und als ich selbst Mama wurde, war für mich klar, dass ich eine berufliche Veränderung will. Eine Freundin von mir arbeitete bereits als Tagesmutter, sodass ich Einblick in die Arbeit, ihre Bedingungen und in die Dynamik mit den Kindern bekommen konnte. Ich habe selbst gesehen, dass das gut funktioniert.


Wie verlief der Bewerbungsprozess?

Ich erkundigte mich, welche Vermittlungsstelle für mein Stadtgebiet verantwortlich ist. Nach dem Besuch einer Informationsveranstaltung schrieb ich eine ganz gewöhnliche Bewerbung an Malwina (daneben gibt es noch Kinderland Sachsen e.V. und Outlaw gGmbH), woraufhin auch die Gespräche begannen. Diese umfassten das Vorstellungsgespräch, aber auch solche Gespräche, die von der eigenen Vorstellung der Ausgestaltung der Kinderpflege handelten, wie auch welche, in denen Sozialpädagogen einschätzen, ob man für diese Arbeit überhaupt geeignet ist. Dabei wird immer Rücksprache mit einem gehalten und es ist ein beständiger Austausch, in dem man auch alles fragen kann, was einem noch unklar ist.


Auf welchem Weg wurdest du dann zur Tagesmutter ausgebildet?

Meine Ausbildung bestand aus zwei Teilen: Im Ersten verlief die Ausbildung zwei Monate lang Vollzeit und zwar nach dem sogenannten DJI Curriculum (nach dem kompetenzorientierten Qualifizierungshandbuch). Es zeichnet sich dadurch aus, dass es wenig Frontalunterricht gibt und dagegen viel Wert auf das Miteinander-Lernen gelegt wird. Wenn das „Spiel“ thematisiert wird überlegt man beispielsweise gemeinsam, was man mit Kindern von 1-3 tun könnte und warum das wichtig ist. Spielen bei Kindern ist nämlich Arbeit. Sie lernen beim Becher stapeln viele für die Zukunft wichtige Dinge wie Geschicklichkeit, räumliches Denken, dass es Schwerkraft gibt und wie man mit ihr umgeht, später vielleicht auch Zählen, Farben. Wir lernten auch Projekte zu konzipieren, zu testen und zu dokumentieren, sodass ein Entwicklungsprozess nachvollziehbar ist (z.B. Tomatenpflanzen mit den Kindern). Auch wurde uns erklärt, woher man das „richtige“ Material für Entwicklungsgespräche bekommt. Die Vorlagen unterscheiden sich bspw. darin, welcher Schwerpunkt der Kindesentwicklung fokussiert werden soll: geht es um ein bestimmtes Problem, nur um einen Überblick über den Alltag des Kindes oder über eine Einordnung der Kindesentwicklung in den alterstypischen Durchschnitt. Nach den ersten 2 Monaten musste ich meine Konzeption abgeben, in der festgeschrieben steht, wie ich mir die Arbeit vorstelle, auf was ich Wert lege, wie mein Bild vom Kind ist, wie ich Spielen, Essen, Eingewöhnung und Verabschiedung gestalten möchte und vieles mehr. Darin dürfen Eltern übrigens jederzeit Einblick bekommen. Berufsbegleitend ging die Ausbildung dann noch acht Monate. Ich habe an der Ausbildung sehr geschätzt, dass man nicht einfach nur Fakten auswendig lernt, sondern nach dem „Warum“ fragt, es reflektieren und versucht eigene Lösungswege zu finden, die dem Kind gerecht werden.


Worin siehst du Vorteile des Konzepts im Vergleich zur Krippe und welchen Tipp würdest du interessierten Eltern geben?

Vorteil ist auf jeden Fall der kleine Rahmen. Man kann individueller auf die Kinder eingehen, nicht nur, weil man weniger davon hat, sondern auch weil man sie wirklich jeden Tag zur gleichen Zeit sieht und die einzige Bezugsperson ist. So bemerkt man schnell, wenn Zuhause vielleicht gerade viel los und das Kind überspannt ist. Auch der Kontakt zu den Eltern ist persönlicher, Rücksprachen und Nachfragen sind leichter und das Verhältnis ist durch den besseren Einblick, sowohl von den Eltern zu Tagesmutter als auch andersherum, vertrauensvoller. Anders als manche Eltern denken ist auch der Ersatz einer Tagesmutter klar geregelt. Hier gibt es u.a. folgende Modelle: Ersatztagesmutter mit „Stützpunkt“ (eigener Wohnung), Basisersatzpflege (ohne eigene Wohnung) und das verzahnte Modell (fünf Tagesmütter mit jeweils nur 4 Kindern arbeiten zusammen).
Eltern sollten bei der Auswahl einer Tagespflegeperson immer zuerst auf ihr Bauchgefühl achten. Die Chemie muss einfach stimmen, denn wenn die Eltern kein gutes Gefühl haben, können sie das Kind nicht mit Zuversicht „loslassen“ und die Eingewöhnung funktioniert nicht. Andersherum gesagt: Wenn die Eltern überzeugt sind, ihr Kind ist aufgehoben und behütet, dann wird es sich auch wohlfühlen. Zudem sollten Eltern überlegen, was ihnen wichtig ist: Ernährung, Aktivitäten, eine ruhige Umgebung, Natur etc. Eltern können ihr Kind am besten einschätzen, was es benötigt und wo es sich wohlfühlt. Jede Tagesmutter kann da einem anderen Fokus gerecht werden. Es ist auch förderlich für die Entscheidung, wenn die Eltern sich mindestens zwei Verschiedene angeschaut haben. Der Vergleich macht nicht nur sie, sondern auch die Tagesmutter sicherer. Diese profitiert nämlich auch davon, wenn Eltern sich ihrer Sache wirklich sicher sind und ein Vertrauensverhältnis in ihre Arbeit aufbauen können.


Warum ist Tagesmutter zu sein für dich mehr als nur eine Arbeit?

Es ist eine schöne, aufregende und lehrreiche Zeit, in der ich bisher gelernt habe geduldiger zu werden und zu sein (das lernt man notgedrungen :D ). Man versteht wieder ein bisschen mehr, wie es ist, Kind zu sein und die Welt auch mit ihren Augen zu sehen. Ein Kinderlachen ist so schön und es reißt einfach mit. Ich habe noch nie so viel gelacht wie durch die Arbeit mit den Kindern jetzt. Wenn etwas schief geht, darf man es nicht so ernst nehmen. Außerdem habe ich jederzeit die Möglichkeit bei Wind und Wetter rauszugehen. Das lässt mich meinen Alltag viel mehr genießen. Im Sommer einen kleinen Pool aufbauen, mit nackten Füßen über die Wiese laufen: die Kinder machen mir den Genuss und die Gesundheit (z.B. Krabbeln ist purer Sport) vor. Ich brauche es ihnen nur nachmachen. Überall sehen sie Wunder. Seitdem ich Tagesmutter bin, nehme ich viele Sachen wirklich wieder anders wahr. Das würde mir keine andere Arbeit schenken.

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