Job und Familie

Wenn alles zu viel wird

Gloria Wintermann (gw) · 02.10.2017

Rafael Ben-Ari - Fotolia

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Lars muss sich beeilen. Denn bevor er punkt 8Uhr zur Morgenbesprechung im Büro erwartet wird, muss er Jan (3) und Elena (5) in die KITA bringen. Hastig beißt er von seinem Käsebrötchen ab. Noch schnell die Brotdosen und Trinkflaschen einpacken, Elena trösten, die Biotonne rausstellen, einen Anruf vom Chef entgegennehmen und der Kindergärtnerin erklären, dass die Schnupfnasen der Kinder schon wieder auf dem Weg der Besserung seien. Jetzt darf eigentlich nichts mehr dazwischen kommen. Und dann auch noch das: Stau. Lars wird unruhig. Wie gern würde er mal wieder Urlaub machen und ein bisschen Zeit für sich haben.

Unterdessen kommt seine Partnerin Anna geschafft aus der Nachtschicht nach Hause. Eigentlich will sie nur noch schlafen. Aber der Berg mit Bügelwäsche wäre auch längst dran gewesen, die Steuererklärung ist schon seit drei Wochen überfällig und gegen die gähnende Leere im Kühlschrank müsste dringend was getan werden. Wie gern würde sie sich mal wieder mit ihrer besten Freundin in ihrem Lieblingscafé zum Plauschen verabreden oder einfach mal den ganzen Tag lesen.

Eltern-Burnout: Wenn die Freude am Elternsein verloren geht

Arbeit, Kinder und Haushalt unter einen Hut zu bekommen, kann Eltern auf Dauer an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringen. Ausgebranntsein oder Burnout können die Folge sein. Kennzeichnend ist ein anhaltendes körperliches oder seelisches Erschöpfungsgefühl. Die Betroffenen berichten von Selbstzweifeln, innerer Leere, gereizter Stimmungslage, aber auch Gleichgültigkeit, können nur schwer abschalten und empfinden keine Freude mehr daran, der Rolle als Mutter oder Vater nachzukommen. Schlafstörungen, Kopf- und Muskelschmerzen u.a. können auftreten. Doch was steckt eigentlich dahinter und welche Hilfsmöglichkeiten gibt es?

Keine Diagnose sondern Risikofaktor

Streng genommen gibt es das Phänomen Burnout nicht, da es in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten nicht als medizinische Diagnose auftaucht. Dennoch sollten den Zeichen des Burnouts Beachtung geschenkt werden, da sie mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Depression, Substanzmissbrauch, Bluthochdruck, Tinnitus, Schmerzsyndromen, viralen Infekten wie Grippe u.a. verbunden sind. Bisher galt das Phänomen Burnout weithin als Manager-Krankheit und wurde besonders bei Angehörigen helfender Berufsgruppen wie Sozialarbeiter, Lehrer, Altenpfleger u.a. beschrieben. Dabei kann prinzipiell jeder, der permanent unter Stress steht, zum Betroffenen werden, auch Hausfrauen. Erst in den vergangenen 20 Jahren rückten Mütter und Väter verstärkt in den Fokus der Stressforschung. Eine aktuelle Studie geht davon aus, dass zwischen 2% bis 12% der Mütter und Väter unter einem Eltern-Burnout leiden.

Eltern unter Druck

Die wiederkehrenden Anforderungen des Alltags reichen schon aus, um die Entwicklung eines Burnouts zu begünstigen. In den letzten Jahren wurde ein zunehmend wachsender Druck auf Eltern beschrieben: Eltern sind stärker denn je gefordert, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Gerade, wenn beide Elternteile voll berufstätig sind, die Digitalisierung Arbeitsort und –zeit immer weiter aufweichen lässt, regelmäßig Überstunden geleistet werden müssen, Großeltern und Freunde nicht in der Nähe wohnen. Hinzu können besondere Umstände wie Erkrankungen in der Familie oder ein erhöhter Förderbedarf des Kindes kommen.

Perfektionismus und eigene Ansprüche, wie man als Mutter oder Vater gern sein möchte, können zusätzlich Öl ins Feuer geben und in die Burnout-Spirale hineinführen. Perfektionistische Eltern neigen dazu, alles dafür zu tun, dass ihr Kind im Leistungswettbewerb mit den anderen möglichst besteht. Der Anspruch an sich selbst als Eltern, möglichst immer und passgenau auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen zu müssen, kann zusätzlich zum äußeren noch inneren Druck ausüben.

Ausbrennen: ein schleichender Prozess

Die Entwicklung ist schleichend - zu Beginn stehen körperliches Ausgelaugtsein und Erschöpfung. Im weiteren Verlauf gelingt es den Eltern immer schwerer, sich für das Kind zu engagieren und sich in das Kind hinein zu fühlen. Zu guter Letzt wird die Elternrolle nur noch als anstrengend und unbefriedigend erlebt. Im schlimmsten Fall kann es zur Gewaltanwendung, Vernachlässigung der Kinder bis hin zu Selbstmordgedanken kommen.

Frühwarnzeichen erkennen und handeln

Doch was hilft? Zunächst sollte man Frühwarnzeichen erkennen. Dabei kann ein Fragebogen helfen. Reagiere ich öfter gereizt und launisch? Merke ich, dass ich als Mutter oder Vater überwiegend erschöpft bin und die Versorgung meines Kindes nur noch als Last empfinde? Bin ich nur noch im Autopilotmodus? Dann kann der Hausarzt eine erste Anlaufstelle sein, um weitere Unterstützungsmöglichkeiten wie eine Haushaltshilfe zu vermitteln. Der Hausarzt kann darüber hinaus eine Mutter-Kind-Kur empfehlen, die laut Angaben des Müttergenesungswerkes mittlerweile auch von immer mehr Vätern in Anspruch genommen wird. An Erziehungsberatungsstellen können Eltern ihre Erziehungskompetenzen stärken lassen. Zudem kann eine Psychotherapie helfen, Strategien zur Stressbewältigung zu erlernen, Denkmuster zu hinterfragen und Paare bei der Lösung von Konflikten zu unterstützen.

Der Alltag mit Kindern, egal welchen Alters, ist immer wieder aufs Neue herausfordernd. Damit das Feuer weiter am Lodern bleibt, sind für jede Mutter und Vater persönliche Zeitinseln und Energietankstellen wünschenswert. Und davon profitieren die Kinder, denn wie sagte schon der Philosoph Augustinus Aurelius „Nur, wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen“.

 

 

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