Ratgeber

Nachgefragt bei LIANE BRÜHL

Kathrin Gennies (kg) · 28.09.2017

Liane Brühl, Kindergartenprojekt Kinderoase e.V.

Liane Brühl, Kindergartenprojekt Kinderoase e.V.

 

Ein Artikel in der Sächsischen Zeitung Ende August berichtete bezugnehmend auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von einer deutlichen Verbesserung der Betreuungssituation in Kitas und Krippen. Sachsen bildete hierbei das Schlusslicht. So kommen laut Studie im Schnitt 12,9 Kinder auf eine Betreuungsperson. Hat Sachsen da tatsächlich ein Problem und wie sieht es in Dresden aus?

 

 

 

Hat Sachsen tatsächlich ein Problem und wie sieht es in Dresden aus?

Der offizielle Kinderschlüssel liegt derzeit in Dresden bei 12 Kindergartenkindern und einer Vollzeitstelle und bei den Krippenkindern bei 5,5 Kindern auf einer Vollzeitstelle. Wenn man die Vor und Nachbereitungszeit, die Weiterbildungszeiten, Urlaub und Krankheitszeiten, Entwicklungsgepräche mit den Eltern und die davor gelaufene Beobachtung und deren Verschriftlichung betrachtet, reicht die Zeit niemals aus, um sich individuell um jedes Kind mit seinem Kontext zu beschäftigen. Der Betreuungsschlüssel reicht gerade, um die Kinder zu betreuen. Vieles bleibt liegen und wird von den Erziehern und Erzieherinnen in ihrer Freizeit erledigt...was langfristig zu Unmut und auch zu Krankheit führt.

Ist denn eine Verbesserung gegenüber der Vorjahre spürbar? Macht sich das auch in Ihrer Einrichtung bemerkbar, bzw wie stellt sich die Betreuungssituation dort dar?

Wir in der Kinderoase versuchen seit nun mehr 26 Jahren eine gute pädagogische Arbeit zu leisten, indem wir mit den Eltern zusammen sehr transparent am Kind sind. So gibt es Arbeitsbereiche wie Finanzen, Wäsche, Tierbetreuung, Reparaturen, Arbeitseinsätze, Sicherheit....

Auch die sechs Elternabende im Jahr, gemeinsame Ausflüge, Feste und Feiern tragen dazu bei, dass die Eltern sehr nah dran sind an dem, was die Pädagogen im Alltag leisten. Alles in allem stellt sich die Situation in der Kinderoase befriedigend dar, aber wir könnten mit mehr Zeit noch bessere Arbeit leisten. So kommt auch das neue Thema der Integration von Asylsuchenden und deren Kinder immer mehr in den Fokus der Kindergärten. Hierfür werden wir viel Zeit, Engagement und auch Weiterbildung brauchen.

Baden-Württemberg hat in der Studie am besten abgeschnitten, bietet allerdings überwiegend Halbtagsbetreuung an. Würden kürzere Öffnungszeiten auch in Sachsen das Problem lösen?

Nicht unbedingt. Auch längere Öffnungszeiten finde ich persönlich bedenklich, die Kinder erleben kein strukturiertes Familienleben mehr, vieles wird sich in Kindergärten abspielen. Natürlich muss es auch Öffnungszeiten geben, die z.B. den Eltern im Handel gerecht werden, aber nicht bis 21:00 oder gar am Wochenende oder über Nacht. Die Politik sollte für diese Eltern bessere gutbezahlte Teilzeitmöglichkeiten schaffen. Denn nur gut ausgebildete Kinder, die auch ein Familienleben, ein Nest hatten, werden irgendwann auch in Arbeit sein und Steuern zahlen.

Welche Auswirkungen hat ein niedriger Betreuungsschlüssel konkret für die Kinder und wie kann man diesen sinnvoll entgegen wirken?

Mein Vorschlag für eine sehr gute Arbeit am Kind mit Familienergänzung ( Beratung der Eltern in deren Lebenssituation) wäre eine Änderung des Betreuungsschlüssels auf 10:1 und auf 3:1im Krippenbereich. Wir sind eine Bildungseinrichtung und legen die guten Voraussetzungen für die Grundschulen. Leider wird das nicht von den verantwortlichen Politikern gesehen. Es wurden schon kleine Schritte gewagt, aber leider traut sich keiner mal,den EINEN großen Schritt zu tun. Wir werden es in der Zukunft merken, wenn die Kinder kaum noch sozial kompetent sein werden. Für mich ist es die Hauptkompetenz im Leben eines Menschen. Ein verbesserter Betreuungsschlüssel würde sich auf die Erziehergesundheit, mehr Zeit für Kinder und Projekte, Wissenschaftliche Recherchen bzw. Weiterbildung und vor allem auf die Elternarbeit auswirken. Diese wird in meinen Augen immer wichtiger. Die Familienkonstellationennhaben sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Es gibt immer mehr Trennungskinder, die einen erhöhten Betreuungsbedarf haben. Seelische Krankheiten nehmen stark zu, auch schon im Vorschulalter. Die Belastung der Leitungsgesellschaft schlägt hier zu Buche. Manche müssen Kinder nach 8 Stunden Kindergarten noch zum Englisch, oder zum Sport, ein Freizeitstress entsteht . All das muss der Kindergarten ausgleichen und das wird in den nächsten Jahren zunehmen.

 

 

Kategorien: Kaleidoskop , Job und Familie , Ratgeber