Ratgeber

Kinder im Winter richtig anschnallen

Maria Grahl (mg) · 01.11.2018

Foto: Kzenon - fotolia.com

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Noch nie haben die Deutschen so viele Autos besessen, wie im letzten Jahr. Laut Statistik kamen 550 zugelassene PKW auf 1.000 Einwohner. Je mehr Autos auf den Straßen unterwegs sind, desto öfter passieren natürlich auch Unfälle. Gut, das zum Einen die Autos immer sicherer werden. Aber auch Kindersitzhersteller tüfteln seit Jahren an immer besseren Produkten. Doch was nützt der beste Sitz, wenn er nicht richtig eingebaut ist oder die Gurtführung falsch verläuft? Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen, worauf es beim richtigen Anschnallen ankommt und was es sonst noch alles zu beachten gibt.


Julia Kull ist selbst Mutter eines 2 jährigen Sohnes und Eigentümerin der ZWERGPERTEN Radebeul, einem Fachgeschäft für Autokindersitze für Kinder von 0 bis 12 Jahren.

Der Teufel liegt so oft im Detail. Wie oft erleben Sie es, dass Eltern zwar einen guten Sitz gekauft haben, dieser aber falsch eingebaut ist?

Sehr oft. Der häufigste und auch gravierendste Fehler passiert bei Babyschalen. Hier muss man darauf achten, den Beckengurt auch über das Beckenteil des Sitzes und den Schultergurt hinten herum zu führen, nicht anders herum. Andernfalls ist der Sitz nicht sicher genug befestigt und kann bei einem Unfall umkippen oder im schlimmsten Fall herumgeschleudert werden.
Aber auch bei Nachfolgesitzen erleben wir oft, dass der Sitz beispielsweise nicht richtig an der Rückbank des Autos lehnt und somit viel zu viel Spiel hat.
Am besten lassen sich die Eltern im Fachgeschäft zum richtigen Einbau beraten. Zumindest sollten sie aber das Handbuch des Sitzes genau lesen.

Woran erkennen Eltern, dass der Sitz gut zum Kind passt und die Gurte richtig eingestellt sind?

Hier ist es wichtig, beides zu unterscheiden: Der Sitz kann perfekt eingestellt sein, wenn aber trotzdem die Gurtführung nicht optimal ist, dann passt der Sitz einfach nicht zum Kind. Daher empfehlen wir immer ein Probesitzen.
Trotzdem kann man natürlich auf verschiedene Dinge achten. Zunächst einmal muss man sich an die Angaben des Herstellers bzw. der Zulassung halten. Ist beispielsweise die Babyschale bis 83 Zentimeter zugelassen, dann darf ein Kind mit 84 cm nicht mehr in der Schale fahren – auch wenn es augenscheinlich noch gut reinpasst. Es gibt aber noch mehr Anhaltspunkte: Häufige Fehlerquelle ist die richtige Einstellung der Kopfstütze. Die Kopfstütze sollte natürlich dort sein, wo der Kopf ist. Nicht im Rücken und nicht 20 Zentimeter über dem Kopf. Ideal ist hier, wenn die internen Schultergurte des Sitzes in der Höhe der Schultern aus dem Sitz heraus kommen. Die Kopfstütze ist dann meist in der optimalen Höhe. Verlaufen die Gurte unterhalb der Schultern, wird das Kind beim korrekten Anschnallen gestaucht.

Welcher Sitz kommt nach der Babyschale?

Guten Gewissens kann ich hier nur den Reboarder empfehlen. Reboarder sind rückwärtsgerichtete Kindersitze, in denen Kinder bis ca. vier Jahren fahren können. In diesen Sitzen wird bei einem Aufprall die entstehende, massive Kraft über den ganzen Oberkörper verteilt und dieser in die Schale gedrückt. Vorwärts gerichtet fliegen die Kinder nach vorne und die Zugkraft zieht am Kopf. Der Kopf ist im Verhältnis zum Körper aber ca. 15-20% größer als bei Erwachsenen und hat so relativ gesehen mehr Gewicht. Hier kann es bei einem Frontalcrash schon bei niedrigen Geschwindigkeiten zu schweren Verletzungen der Halswirbelsäule kommen.
Reboarder gibt es in ganz verschiedenen Ausführungen und Größen. Ich empfehle daher eine Beratung im Fachgeschäft. Hier können wir schauen, welches Modell am besten zum Kind und ins Auto passt.

Welche Sitze sind für größere Kinder, also in der Gruppe 2 bis 3, empfehlenswert? Warum sollte auf eine einfache Sitzerhöhung lieber verzichtet werden?

Zunächst einmal haben einfache Sitzerhöhungen keinerlei Seitenaufprallschutz und auch die Gurtführung wird nicht optimiert. Die Kinder können bei einem Unfall also schwer verletzt werden. Hinzu kommt, dass die wenigsten Sitzerhöhungen mit Isofix ausgestattet sind. Dann kann es passieren, dass der Sitz bei einem Aufprall unter dem Po wegrutscht und das Kind vom Gurt stranguliert wird.
Natürlich sind das alles Worst-Case-Szenarien. Aber mal ehrlich: Nur deshalb nutzen wir ja überhaupt Kindersitze und Gurte.

Einige Eltern und auch Kinder sind der Meinung, ein Kindersitz mit Lehne sei "nur etwas für Babys". Hier argumentiere ich dann gern: Wenn es um die Sicherheit geht, sollte man keine Abstriche machen und die Kinder keinerlei Mitspracherecht haben.

Stichwort "anschnallen". Wie fest sollte ein Kind angeschnallt sein? Kann man die Gurte auch zu straff spannen?

Nein, eine zu straffe Gurtführung gibt es nicht. Egal ob Babys in der Schale oder große Kinder auf den Folgesitzen: Der Gurt sollte immer so straff wie möglich anliegen. Es ist auch notwendig, noch einmal nachzustraffen, wenn der Gurt schon eingerastet ist. In den seltensten Fällen sehe ich leider korrekt angeschnallte Kinder. Meistens sind die Gurte viel zu locker – die Kinder können dann einfach aus dem Sitz rutschen.

Muss man beim Anschnallen im Winter etwas beachten?

Ja, Kinder sollte keine zu dicke Kleidung wie Anoraks tragen. Hier entsteht eine sog. Gurtlose. Das ist der Raum zwischen dem Kind und dem Gurt, der entsteht, wenn das Kind eine zu dicke Jacke trägt. Die Folge: Der Gurt kann nicht richtig gespannt und das Kind bei einem Aufprall aus dem Sitz katapultiert werden. Ebenso kann es zu Quetschungen oder Einschnitten durch den Gurt kommen. Besser sind hier Fleecejacken oder Wollwalkkleidung. Auch Einschlagdecken oder Sitzponchos sind gute Varianten, die ersten kalten Minuten im Auto zu überbrücken. Wer hat, kann natürlich auch auf eine Standheizung zurückgreifen oder eine Wärmflasche mit ins Auto nehmen. Gleiches gilt übrigens auch bei Erwachsenen: Jährlich warnt der ADAC davor, sich mit dicker Winterkleidung anzuschnallen.

Viele haben ja große Vorurteile gegenüber Reboardern. Hier mal die typischen Argumente:

"Reaboarder sind zu teuer".
Es gibt Reboarder ab 275 Euro - auf die Nutzungsdauer runtergerechnet ist es dann gar nicht mehr so viel.

"In mein Auto passt kein Reboarder."
Wenn kein Reboarder passt, passt auch kein vorwärtsgerichter Sitz. Da bei Vorwärtssitzen ein Mindestabstand von 55 cm eingehalten werden muss. Passt eine Babyschale ins Auto, dann passt auch ein Reboarder.“

"Mein Kind sieht nichts."
Rückwärtsgerichtet sehen Kinder tatsächlich mehr als vorwärts. Sie können hinten aus dem Kofferraum raus gucken und seitlich beim vorbeifahren den Objekten viel länger folgen - vorwärts rauscht alles nur schnell an einem vorbei. Mit einem Spiegel welcher an die Kopfstütze angebracht wird sieht man sich gegenseitig.

"Meinem Kind wird rückwärtsgerichtet übel."
Die klassische Reiseübelkeit entwickelt sich bei Kindern meist erst zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr. Vorher kann Übelkeit im Auto trotzdem auftreten. Unserer Erfahrung nach liegt dies jedoch meist nicht an der Fahrtrichtung sondern an den sich schnell bewegenden Bildern (Reizüberflutung) - abdunkeln der Scheiben kann da z.B. helfen.

"Mein Kind möchte nicht mehr rückwärts fahren."
Kinder kennen es von der Babyschale her gar nicht anders und beim Punkt Sicherheit haben Kinder kein Mitspracherecht. Das sollten die Eltern entscheiden.

"Wohin mit den Beinen?"
Kinder haben eine nach oben gekippte Hüfte. Dadurch trifft der Oberschenkelkopf von oben in die Hüfte, nicht von unten. Ein Grund, warum es bei der U3 ein Hüftsono gibt. Die Hüfte kippt erst mit ca. 7 Jahren nach vorne unten und steht dann, wie bei einem Erwachsenen. Bis dahin ist aber die angehockte Haltung des Kindes die orthopädisch korrekte Haltung (kennt man auch vom Tragen der Kinder in einem Tragetuch oder Tragesystem). Bei einem Vorwärtssitz hängen die Beine runter. Die Kinder können ihre Füße nirgends abstellen, vom Gefühl wie auf einem Barhocker sitzen und die Beine baumeln lassen. Auf Dauer wird das sehr unangenehm.

Zwergperten Radebeul
Meissner Str. 262 a
01445 Radebeul
www.zwergperten-shop.de/

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