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Hochbegabung und Lernfrust

Pia Schrell (ps) · 30.08.2018

pixabay.com/Victoria_Borodinova

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Mamas und Papas haben es nicht leicht. In der Krabbelgruppe, bei der Oma oder bei anderen Müttern – ständig geht es um Entwicklung und die Skills im Kinderzimmer.

Frido kann schon laufen, viel früher als alle anderen in seiner Krabbelgruppe. Malou schreibt inzwischen schon nahezu perfekt ihren ganzen Namen, dabei ist sie noch gar nicht in der Schule. „Was? Macht Karla das etwa noch nicht?“  Mamas und Papas haben es nicht leicht. In der Krabbelgruppe, bei der Oma oder bei anderen Müttern – ständig geht es um Entwicklung und die Skills im Kinderzimmer. Na klar, es macht stolz, wenn das eigene Kind schon früh besonders gut malen oder basteln kann oder ein kleiner Experte für Dinosaurier ist. Doch nicht immer ist ein Interesse oder kindliches Können auch ein Zeichen für eine Hochbegabung. Genauso wenig wie ein verspätetes Krabbeln zwingend ein Indiz für eine Entwicklungsstörung sein muss. Aber was, wenn es doch extrem wird?

Hochbegabung erst ab zwölf Jahren wirklich feststellbar

Es gibt Kinder, die sind ein bisschen anders als ihre gleichaltrigen Spielkameraden. Sie haben bereits in jungen Jahren eine spezielle Art zu denken und können oft Schlussfolgerungen ziehen, die selbst ihre clevere Mama mit offenem Mund dastehen und staunen lassen. Was teilweise so anmuten kann, als säße einem ein kleiner Einstein gegenüber, nennt die Wissenschaft Hochbegabung. „Wenn Eltern einen guten Blick für ihre Kinder haben, lässt sich so etwas schon früh beobachten“, sagt Barbara Schöpf. Sie ist Psychologin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. IQ-Wert über 130 deutet auf Hochbegabung hin. In der Regel spreche man bei einem Intelligenzquotienten (IQ) ab 130 IQ-Punkten, die mit einem Test erfasst werden können, von sehr weit  überdurchschnittlichen Fähigkeiten oder synonym von Hochbegabung. „In jungen Jahren rate ich aber immer zur Vorsicht, was die Aussagekraft von IQ-Tests angeht“, sagt Schöpf. Vielmehr bevorzugt die Expertin es, zunächst von Entwicklungsvorsprüngen zu sprechen. „Denn manches verwächst sich mit der Zeit wieder und gleicht sich an.“ Erst
mit etwa zwölf Jahren seien Kinder so weit entwickelt, dass die Ergebnisse nicht mehr nur „vorläufig“ zu sein scheinen.

 

Barbara Schöpf, Psychologin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V.

Doch woran erkenne ich noch, dass mein Kind möglicherweise hochbegabt ist? „Das lässt sich unter anderem an verschiedenen Beobachtungen festmachen“, sagt Schöpf. Hochbegabte Kinder hätten beispielsweise häufig eine
besondere Begabung wie in mathematischen, künstlerischen oder musikalischen Bereichen und zeichneten sich durch sehr früh entwickelte, weit überdurchschnittliche Fähigkeiten und Interessen aus. Auch keine Seltenheit: Der Hang zum Diskutieren. „Manchmal werden dann sämtliche „Ansagen“ der Eltern in Frage gestellt und über deren Sinnhaftigkeit diskutiert“, erklärt Schöpf.

Unterforderung vermeiden

In ihre Praxis kommen immer wieder Eltern mit ihren Kindern, die Unterstützung brauchen und sich fragen, wie sie ihrem Kind helfen können? Denn manchmal könne die Begabung auch zu Schwierigkeiten wie dem Verweigern der Hausarbeiten, einer Außenseiterrolle oder geringer Lernmotivation führen. Eines sei dabei immer ganz wichtig: „Eine Unterforderung sollte unbedingt vermieden werden.“ Denn hochbegabte Kinder hätten laut Experten sensible Antennen dafür, ob sie eine Aufgabe in ihrer Persönlichkeitsentwicklung weiterbringt oder nicht. „Einige Kinder langweilen sich zum Beispiel in ihrem letzten Kindergartenjahr sehr stark und haben keine Lust mehr, die Spiele mitzumachen. Dort müssen dann gemeinsam mit Eltern und Erziehern Lösungen gesucht werden!“, sagt Schöpf. Von besonderen Aufgaben bis hin zu spannenden Büchern und Projekten könne dies alles beinhalten, was Spaß macht und interessiert.

Ihr Tipp für alle Eltern: „Nehmen Sie ihr Kind so an wie es ist.“ Am schönsten wäre es, wenn Mamas und Papas die Begabung ihrer Kinder sehen, diese fördern und gemeinsam Freude daran haben könnten und zwar ohne dabei auf einen Leistungsgedanken abzuheben. Doch es gibt auch Eltern, die ihr Kind wie durch eine besondere Brille sehen,
beschreibt die Psychologin ihre Erfahrungen. Dies falle ihr seit einiger Zeit auch bei sehr jungen Kindern auf. In solchen Fällen sei die Meinung und Idee zur Intelligenz des Nachwuchses teilweise so festgefahren, dass manche Eltern regelrecht enttäuscht wären, wenn das eigene Kind nicht hochbegabt, sondern nur durchschnittlich begabt oder "nur" überdurchschnittlich intelligent sei. „Ich denke, dass dies auch daran liegt, dass Eltern immer stärker um Bildung bemüht sind, sich viele Gedanken machen und genauer hinsehen, was ihr Kind kann.“ Aber nicht jeder Querdenker muss auch gleich ein Genie sein! Verständlicherweise erleben diese Eltern dann eine Verunsicherung: Wenn es nicht die Hochbegabung ist, was ist es dann, das die Schwierigkeiten unseres Kindes hervorbringt?

Bei Sorgen den Kinderarzt fragen

Grundsätzlich gilt: Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung eine anregende Umgebung, Liebe, Zuwendung und Zeit. Aber manchmal fallen Mamas und Papas trotzdem Besonderheiten auf. Dann sollte dies zunächst beobachtet werden. Bleiben die Sorgen und ein ungutes Gefühl bestehen? Oder seid ihr wegen der Entwicklung beunruhigt? Dann ist ein Besuch beim Kinderarzt eine gute Idee. Er ist ein guter Ansprechpartner und kann Mama, Papa und Nachwuchs gegebenenfalls an Experten weitervermitteln. Auch gut zu wissen: Die Entwicklung der eigenen Kids wird bei den
verschiedenen U-Untersuchungen ganz besonders gründlich gecheckt. Fallen dort Lern- und Entwicklungsstörungen, wie zum Beispiel eine Lese-Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie, auf, können hilfreiche Therapien und Förderungen in Angriff genommen werden.

Anhaltspunkte für eine Hochbegabung:

Dein Kind…
• langweilt sich in der Kita und in der Schule.
• ist manchmal ein kleiner Besserwisser.
• findet manche Spiele doof und stört deshalb das Gruppengeschehen.
• erbringt in der Schule schwache Leistungen und das, obwohl es intelligent ist.
• kann Freizeitaktivitäten, die Gleichaltrige toll finden, nichts abgewinnen.
• fühlt sich von der Umwelt isoliert und missverstanden.

IQ-Werte im Überblick:
IQ 85–115: entspricht durchschnittlicher Intelligenz
IQ 116–129: entspricht überdurchschnittlicher Intelligenz
IQ ab 130: entspricht sehr weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und das Synonym dafür ist „hochbegabt“

 

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Tags: Hochbegabte Kinder , Hochbegabte Kinder Probleme , Hochbegabung bei Kindern , Ist mein Kind hochbegabt?

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