Kaleidoskop

Das Fest der Hiebe?

Maria Grahl (mg) · 19.12.2018

Pixabay.com/Inactive account – ID 3194556

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"So, jetzt reicht's! Ich rufe jetzt den Weihnachtsmann an und sage ihm, dass er dir keine Geschenke mitbringen soll!" Na, Hand auf's Herz: Wer hat diese Drohung in den letzten Tagen und Wochen als Erziehungskeule gegenüber den eigenen Kindern so oder so ähnlich geschwungen? Gleich vornweg: Es liegt mir fern, andere Eltern und deren pädagogische Maßnahmen anzuprangern. Dass wir unsere Kinder alle lieb haben und nur das Beste für sie wollen, ist ja wohl klar. Nun das große Aber: Selbst in den besten Familien passiert es, auch einmal etwas pädagogisch völlig wertloses zu sagen. Wie zum Beispiel in unserer...

Unser kleiner, vierjähriger Stöpsel spuckte mal wieder in der Gegend herum und dabei dem Papa ins Gesicht. Ist nicht schön, klar. Es ist sogar ziemlich eklig. Und er weiß auch, dass er das nicht machen soll, klar. Trotzdem war es nun passiert und das anschließende freche Grinsen auf seinem pausbäckigen Gesicht, machte die Gesamtsituation für den Papa nicht unbedingt besser. Mit anderen Worten: Er war stinksauer und drohte nun mit dem Zorn des Weihnachtsmannes. Dieser für Kinder höchsten Instanz, der nicht wenige so viel Respekt beimessen, dass sie sich selbst auf dem Weihnachtsmarkt nur hinterm Rockzipfel der Mama in die Nähe des weißbärtigen Riesen trauen. Und nun stellte der Papa dem Junior nicht nur in Aussicht, beste Connections zum Weihnachtsmann zu haben, sondern diese auch noch darauf zu verwenden, alle gewünschten Geschenke wieder abzubestellen. Im Bruchteil einer Sekunde wich meinem Sohn sein freches Grinsen aus dem Gesicht und wandelte sich in ein vor Wut und Verzweiflung verzerrtes Weinen. Das Kind ist sonst nicht besonders nah am Wasser gebaut und umso trauriger machte es mich, ihn so zu sehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich ihm mit viel Kuscheln und gutem Zureden glaubhaft versichert hatte, dass sein Papa sich versprochen hatte und der Weihnachtsmann ganz sicher zu ihm käme - mit Geschenken.

Warum aber machen wir Eltern das? Wie kommen wir auf die Idee, unsere Kinder quasi zu erpressen, in dem wir ihnen in Aussicht stellen, bei schlechtem Benehmen keine Geschenke zu bekommen? Schaut man ein paar Jahrzehnte in der Geschichte zurück, wird schnell klar: Weihnachten war nicht immer nur das Fest der Liebe, sondern auch das der Hiebe. Zu "lieben" Kindern brachte der Weihnachtsmann Süßigkeiten und andere nette Dinge. Den "bösen" brachte er die Rute. Viele aus der Groß- und Urgroßelterngeneration wurden tatsächlich noch vom Weihnachtsmann oder Knecht Ruprecht verhauen. Diese Erfahrung gaben sie an uns weiter und wir sie an unsere Kinder. Und sind wir mal ehrlich: Es ist ja auch sehr bequem, einmal nicht in der Rolle des ständig schimpfenden und maßregelnden Elternteils zu sein. Oder nicht?

Das Kind räumt das Zimmer nicht auf? Setzt der Weihnachtsmann auf seine Liste.
Es hat keine Lust auf Hausaufgaben? Liste.
Es haut, spuckt, wütet und beißt? Ab auf die Liste. Geschenke sind gestrichen.

Die Eltern können ja nichts dafür und die Kinder sind wütend auf eine höhere Instanz. Wie praktisch.

2016 ging ein Video durchs Netz, in dem Eltern die (leeren) Geschenke ihrer Kinder in den Kamin warfen. Mit jedem Geschenk, dass sie verbrannten, ergänzten sie, welche Verfehlungen ihrer Kinder Schuld daran seien. Mit derartig krassen Maßnahmen, löst man bei Kindern vieles aus - aber sicherlich kein besseres Benehmen.

Weihnachten ist also auch heute noch eine Zeit der Drohungen für uns. Ich denke, wir sollten derlei Sätze doppelt hinterfragen, bevor wir sie vor unseren Kindern äußern - oder am besten gleich ganz weglassen. In so vielen Momenten begegnen Eltern ihren Kinder heute auf Augenhöhe. Es hat sich so vieles geändert: Es gibt Familienbetten, Stillen nach Bedarf, immer mehr Kinderwagen weichen Tragentüchern und dass Babys schreien gelassen werden, gehört ebenfalls bei den meisten der Vergangenheit an. Warum nicht also auch die Sache mit dem bösen Weihnachtsmann?

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